
Das Kreuz in der Evangelisation nicht verschweigen
Deutsche Evangelistenkonferenz: Wie soll man den Tod Jesu erklären?
Von Christian Starke (idea)
Rehe – Wie kann man heute in der Evangelisation die Botschaft vom Kreuzestod Jesu Christi verständlich vermitteln? Mit dieser Frage befasste sich die Deutsche Evangelistenkonferenz auf ihrer Jahrestagung, die vom 28. November bis 1. Dezember in Rehe (Westerwald) stattfand. Hintergrund ist eine seit 2009 anhaltende Debatte in der evangelischen Kirche, ob die Rede vom Sühnetod Jesu noch zeitgemäß ist. Auf der Tagung vertrat der Theologieprofessor Klaus Haacker (Berlin) die Ansicht, dass „an der Wahrheit und Wichtigkeit der Botschaft vom Tod Jesu Christi für unsere Sünden kein Zweifel sein“ könne. Er bezweifle jedoch, dass der Begriff des „Opfers“ oder das Bild des „geopferten Lammes“ hilfreich sei, um dem modernen Menschen das Wort vom Kreuz nahezubringen. Der Opfergedanke werde weithin dahingehend missverstanden, dass eine zornige Gottheit besänftigt werden müsse. Dieses heidnische Opferverständnis sei in Theologie und Frömmigkeitsgeschichte eingeflossen. So heiße es in dem schönen Lied „Der Herr ist gut, in dessen Dienst wir stehn“ im Blick auf Gott in Strophe 2 leider: „Er ist versöhnt durch seines Sohnes Blut.“ Nach dem Neuen Testament habe jedoch der Tod Jesu „uns mit Gott versöhnt, nicht umgekehrt“. Der landläufige Begriff des Opfers baue deshalb „keine Brücke zur neutestamentlichen Botschaft vom Tod Jesu für unsere Sünden“. Auch der Gedanke der Sühne sei für den heutigen Menschen schwer verständlich, da er im Strafvollzug völlig in den Hintergrund getreten sei.
Haacker, der von 1975 bis 2007 Professor für Neues Testament an Kirchlichen Hochschule Wuppertal war, plädierte für eine stärkere Beachtung von Bibeltexten wie Markus 10, 45 und Römer 3, 24, die vom Tod Jesu als einem „Loskauf“ sprechen oder einer Übernahme unserer „Schulden“ sprechen (Kolosser 2, 14). Der Tod Jesu sei „ein Tribut an die Macht der Sünde“ gewesen, um uns Menschen von den tödlichen Folgen der Sünde freizukaufen. Im Leben und Sterben tröste die Gewissheit: „Gott wird uns die unbezahlten Rechnungen unseres Lebens nicht vorwerfen. Jesus hat sie für uns bezahlt.“
Der Vorsitzende des theologisch konservativen Bibelbundes, Dozent Michael Kotsch (Lemgo), wandte sich in einem weiteren Vortrag dagegen, das „Ärgernis des Kreuzes“ aufzugeben und umzudeuten. Nach seinen Worten gibt es eine zunehmende Abneigung gegen die Vorstellung, dass Jesus Christus stellvertretend für die Sünde des Menschen gelitten habe und gestorben sei. Diese Aversion sei Folge einer einseitigen christlichen Verkündigung. Sie spreche nur von einem Gott der Liebe und verschweige seinen Zorn über die Sündhaftigkeit des Menschen. Wer einen solchen „Kuschelgott“ vor Augen habe, dem falle es schwer zu verstehen, „warum Gott seinen Sohn ans Kreuz schickt“. Der Opfergedanke sei „urchristliche Theologie“ und auch heute vermittelbar. So verstehe jeder, was es bedeute ein Opfer zu bringen: nämlich „etwas aufzugeben, was mir wehtut, zum Wohl eines anderen“. Diese Erfahrung machten die Menschen auch heute. Kotsch warnte ferner vor der Selbstüberschätzung des Menschen, die Rettungstat am Kreuz vollständig ergründen zu wollen: „Was bilden wir uns ein, die Motive Gottes erklären zu können?“ Theologie sei immer nur ein unvollständiges Abbild des Denkens und Handelns Gottes. Der Theologe lehrt Kirchengeschichte, Konfessions- und Sektenkunde, Religionswissenschaft und Apologetik an der Bibelschule Brake in Lemgo und an der Evangelikalen Akademie in Wien.
In der Aussprache zu den Vorträgen sagte der frühere stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Evangelistenkonferenz, Pastor Uwe Holmer (Serrahn / Mecklenburg): „Der Sühnebegriff des Alten und Neuen Testaments ist für mich unaufgebbar.“ Gott mute es „uns zu, dass ein anderer stellvertretend für uns gestorben ist“. Man dürfe das Kreuz nicht verschweigen, „weil wir sonst am Evangelium schuldig werden“.
Die niederländische Publizistin Noor van Haaften (Soest bei Utrecht) äußerte sich auf der Tagung zu der Aussage Jesu „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, der ist mein nicht wert“ (Matthäus 10, 38). Damit sei gemeint, um Christi willen zu leiden. Dies bedeute, ihm den Vorrang vor eigenen Bedürfnissen zu geben: „Christus in mir hat das Sagen.“ Das könne heißen, auf ein angenehmes Leben mit gutem Einkommen und Ansehen zu verzichten. In vielen Ländern trügen Christen ihr Kreuz, indem sie Verfolgung bis hin zum Märtyrertod erlitten. Auch Christen in der westlichen Welt müssten damit rechnen, um ihres Glaubens willen Opfer zu bringen. So drohe in den Niederlanden einigen Standesbeamten die Entlassung, weil sie es ablehnten, homosexuelle Partnerschaften zu trauen. Die Bibelarbeiten auf dem Treffen hielt Prälat i.R. Rolf Scheffbuch (Korntal bei Stuttgart). Er ermunterte die Evangelisten, das Wort Gottes mehr in erzählender Form weiterzugeben. Die Geschichten von Asterix und Obelix oder Tim und Struppi seien bei vielen bekannter als zentrale biblische Inhalte.