Überblick über die Geschichte der Konferenz (Stand 2009)

In den ersten Nachkriegsjahren waren die Menschen in Deutschland nicht nur körperlich abgekämpft und unterernährt. Auch in geistiger und geistlicher Hinsicht war der Hunger immens. Die Einschränkungen und Behinderungen christlicher Verkündigung unter der nationalsozialistischen Herrschaft waren von den Besatzungsmächten bald nach Kriegsende aufgehoben worden. Im Freien, in Barackenlagern, in notdürftig eingerichteten Sälen und in Zelten drängten sich die Menschen. „Das Feld war reif zur Ernte“, so Friedrich Müller (Esens), der Mitinitiator der Deutschen Evangelistenkonferenz.

Bei der Herbsttagung der „Arbeitsgemeinschaft für Volksmission“ im Oktober 1949 in Bremen wurde die Idee einer Evangelistenkonferenz geboren. Pastor Wilhelm Brauer vom Volksmissionarischen Amt der Evangelischen Landeskirche in Westfalen und Friedrich Müller, Leiter und Evangelist der Zeltmission der Evangelisch-methodistischen Kirche fanden „sogleich innerlich zusammen“ und nahmen sich vor, alle Evangelisten der Landes- und Freikirchen und der freien evangelischen Werke zusammenzurufen. Besonders die volksnahen und erfolgreichen Evangelisationen in Zelten waren Gegenstand der strategischen Überlegungen. Auch der Verknüpfung von Evangelisation und örtlicher Gemeinde wurde von Anfang an Beachtung geschenkt.

Bereits am 9. und 10. November 1949 versammelten sich im Schloss Friedewald bei  Betzdorf / Sieg die Gründungsmitglieder der Deutschen Evangelistenkonferenz und nahmen sich vor, im Oktober 1950 zur ersten Konferenz in die Räume der neu gegründeten Evangelischen Sozialschule (später Evangelische Sozialakademie) im Schloss Friedewald im Westerwald einzuladen. Ziel war es, „unter Ausschaltung aller trennenden Auffassungen“ den Kontakt untereinander aufrecht zu erhalten, Gemeinschaft zu haben und sich „für unseren Auftrag durch Aussprache und Gebet noch besser ausrüsten zu lassen“.

 

„Auffallende Verschiedenheit – Einmütigkeit im Geist“ – die ersten Konferenzen  

 

Unterzeichnet wurde das Gründungsprotokoll von Pastor Wilhelm Brauer, Evangelist Werner Heukelbach, Evangelist Daniel Schäfer, Methodistenpastor Karl Schwindt und D. Dr. Carl Gunther Schweitzer, dem Leiter der Evangelischen Sozialakademie. Die hier zum Ausdruck kommende kirchliche, theologische und auch methodische Bandbreite blieb ein Kennzeichen der Deutschen Evangelistenkonferenz.

Schon bei der ersten Konferenz im Jahr 1950 wird von „auffallender Verschiedenheit der etwa 30 Teilnehmer“ berichtet, die jedoch „etwas von der Tatsache der Einmütigkeit im Geist“ erleben. Die Bibelarbeit hält Heinz Köhler, Direktor der Bibelschule Wiedenest. Als Referenten kommen Pastor Hans Bruns (Marburg), Pastor Wilhelm Brauer (Dillbrecht) und Evangelist Ernst Krupka (Reutlingen) zu Wort. Abends sitzt man am knisternden Kaminfeuer, wo unter anderem Daniel Schäfer (Waldbröl) und Werner Heukelbach (Bergneustadt) von ihren Erfahrungen berichten. „Als Bruder unter Brüdern“ gehört Prof. D. Heinrich Rendtorff (Kiel), Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Volksmission, zur Runde. Rendtorff war in den 50er-Jahren regelmäßiger Teilnehmer und Referent der Konferenz.

Bezüglich der Zeltmissionen wird folgende Idee geäußert: Auf der Grundlage der Evangelischen Allianz sollten alle Zeltmissionen, ohne jeweilige Selbstaufgabe, zu einem einheitlichen Unternehmen zusammengeführt werden.

Bei dieser ersten Deutschen Evangelistenkonferenz wird Wilhelm Brauer einstimmig zum Vorsitzenden gewählt. Zum Schriftführer und stellvertretenden Vorsitzenden wurde Friedrich Müller berufen. Im darauffolgenden Jahr 1951 kamen bereits 47 Teilnehmer nach Betzdorf. In jenem Jahr wird erstmals ein Vertrauensrat gebildet, der die Tagungen vorbereitet und den Kontakt unter den Geschwistern gewährleistet. Geistlich und theologisch orientiert sich die Konferenz an der Glaubensgrundlage der Evangelischen Allianz, seit 1974 auch an der Lausanner Erklärung. Die Deutsche Evangelistenkonferenz ist vereinsähnlich organisiert, wurde jedoch nie als Verein eingetragen. Sie ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD).

 

„Haus Patmos“ als Heimat – 1952 bis 1974

 

Im dritten Jahr zählt die Konferenz 70 Teilnehmer und findet erstmals im „Haus Patmos“ in Siegen-Geisweid, dem Zentrum der Deutschen Zeltmission, statt. 23 Jahre lang in Folge sollte „Haus Patmos“ die „Deutsche Evangelistenkonferenz“ beherbergen. „Die ´Patmos-Heime´ liegen abseits vom Verkehr, umgeben von Wald, Feld und Wiese. Innerhalb und außerhalb der Häuser kann man Sammlung und Stille finden. Gelegenheit zu kürzeren und weiteren Spaziergängen in den Freistunden ist gegeben. Der Geist segensreicher Tradition des Hauses prägt die Gemeinschaft. Patmos ist uns zur Heimat geworden“, schreibt Friedrich Müller. Der Generalsekretär des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Pastor Heinrich Giesen, richtet an die Konferenz einen Appell zur Mithilfe beim Kirchentag in Hamburg 1953.

 

Evangelisationen mit Billy Graham – 1954

 

1953 diskutieren die Teilnehmer eingehend über Billy Graham und seine Evangelisationen. Es wird entschieden, in Verbindung mit der Deutschen Evangelischen Allianz die für das Jahr 1954 geplanten vier eintägige Großevangelisationen mit Billy Graham gemeinsam vorzubereiten und durchzuführen.

1954 heißt es in den Protokollen: „Rege Aussprache über die rechte Durchführung der Evangelisation, besonders über die so sehr wichtige Nacharbeit. Die Feier des heiligen Abendmahls und rege Gebetsgemeinschaften bestimmen wesentlich das Beisammensein und lassen ein Stück Urchristentum erleben.“

 

Evangelistenkonferenz in der DDR – 1955 bis 1991

 

Die antikirchliche Politik der DDR mitsamt ihren Reisebeschränkungen hatte zur Folge, dass

1955 eine „Evangelistenkonferenz in der DDR“ gegründet wurde. Evangelist Dr. Werner de Boor, früheres Mitglied des Schweriner Oberkirchenrats, wurde in die Leitung berufen. Diakon Fritz Hoffmann, später stellvertretender Vorsitzender, übernahm wesentliche organisatorische Aufgaben. Zu den Tagungen der Evangelistenkonferenz in der DDR wurde immer im Frühjahr in wechselnde Tagungsstätten eingeladen. 1977 übernahm Fritz Hoffmann den ersten Vorsitz, sein Stellvertreter wurde Pastor Uwe Holmer. Bis zu 60 Personen gehörten zur Ostkonferenz. Ihr Gepräge unterschied sich von der Westkonferenz darin, dass sie mehr eine Delegiertenkonferenz war. Eingeladen wurden Männer, die in Kirchen und Landeskirchlichen Gemeinschaften angestellt und mindesten zu 50 Prozent im evangelistischen Dienst tätig waren. Dazu kam je ein Vertreter der Freikirchen. Alle zwei Jahre waren die Ehefrauen mit dabei. Immer wieder konnten auch einige Brüder aus dem Westen um die Osterzeit an der Ostkonferenz in Lobetal, in Buckow/Märkische Schweiz, in Herrnhut oder an anderen Veranstaltungsorten teilnehmen. (Vgl. ausführlichen Bericht S. XX.)

 

Kontakte zwischen West und Ost

 

„Endlich war es soweit, wir trafen uns zum ersten Mal in Berlin. Die verantwortlichen Brüder der Ostdeutschen Evangelistenkonferenz hatten uns eingeladen. Nun konnten wir sie sehen und sprechen, konnten mit ihnen Bruderschaft pflegen, unsere Bruderschaft vertiefen und bereichern.“ So ist im Protokoll des Vertrauensrats vom 23. Januar 1968 zu lesen.

Aus diesem ersten Treffen wurden viele weitere. Soweit möglich legte man im zweijährigen Turnus die Sitzung nach Berlin. Man versammelte sich im Januar in West-Berlin zur Vorbereitung der Herbstkonferenz, um am zweiten Tag mit den Vorstandsbrüdern der Ostkonferenz im Osten der Stadt zusammen zu sein. „Es war jedes Mal ein merkwürdiges Gefühl, wenn man an der Friedrichstraße die Grenze überquerte. Unsichtbar stand für mich an jeder Mauer ´Feind hört mit´. Man musste sich ja so unauffällig wie möglich benehmen, um auch zukünftige Ost-West-Kontakte nicht zu gefährden. Niemand wusste, mit welcher Willkür der Grenzbeamte Fragen stellen oder Schikanen ausüben würde. So war man immer froh, wenn man die Grenze hinter sich hatte“, schreibt Hermann Decker in seinen Erinnerungen.

 

Besuch im Kabarett „Die Distel“

 

Erfreulich waren die Begegnungen mit den Geschwistern im anderen Teil Deutschlands. Fritz und Ursula Hoffmann waren die Gastgeber. Ihnen brachten die Westdeutschen in Plastikbeuteln Südfrüchte, die Ursula Hoffmann unter den anwesenden Ostbrüdern verteilte und die immer als Rarität dankbar angenommen wurden. Nach einer kurzen Andacht begann der Erfahrungsaustausch. Erstaunlich der Mut, mit dem die „Ostbrüder“ bei ihren Missionseinsätzen vorgingen. Sie ließen sich vom DDR-Regime nicht einschüchtern, obwohl sie selbst und ihre Kinder manche Schikane erdulden mussten. Zu diesem Treffen gehörte in aller Regel ein Gang durch die Ladenstraßen Ostberlins und ein Besuch im Kabarett „Die Distel“. Ursula Hoffmann konnte ihre Beziehungen nützen, um kurzfristig Eintrittskarten für die stets ausgebuchten Veranstaltungen zu besorgen.

 

Schlüsselfiguren: Fritz und Ursula Hoffmann

 

Eine Schlüsselfigur in der Ost-West-Beziehung war Fritz Hoffmann mit seiner Frau Ursula.

Bis 1966 war er Landeswart des Evangelischen Jungmännerwerkes Sachsen-Anhalt und hat selbst viele Evangelisationen gehalten. 1971, als er eigentlich das „Maueralter“ erreicht hatte, wurde er noch für zwei Jahre gesperrt. Erst dann bekam er West-Reisen genehmigt. So konnte er Gast der Evangelistenkonferenz-West sein. Ursula Hoffmann schreibt: „Die Reisen zu den internationalen Tagungen galten als Dienstreisen. Sie mussten beim ´Ministerium für Kultur, Abteilung Kirchenfragen, umständlich und langfristig beantragt werden. Und wenn dies – wie für Pattaya – für zehn Brüder geschehen sollte, dann kamen wir uns wie ein kleines Reisebüro vor! Es mussten auch ´Paten´ für die Reisekosten gewonnen werden. Brücken bauen und Kontakte pflegen war ihm ein großes Anliegen. Vom Lausanner Komitee erhielt er Adressen von Brüdern in Leningrad, Moskau, Prag, Budapest und Bukarest und konnte dort Besuche machen und über die Tagungen informieren.

Über die Besuche von Fritz Hoffmann auf der Westkonferenz schreibt Hermann Decker: „Trotz seines Alters (über 80) war er sehr vital. Wenn die Jüngeren nach den Abendveranstaltungen müde waren und sich zur Ruhe begeben wollten, lud Fritz Hoffmann zur Besprechung ein und war ´voll da´. Über seinen Schreibtisch in Magdeburg verbreiteten sich viele Informationen aus der weltweiten Christenheit, sodass die Christen in der DDR daran teilhaben konnten. Im Zeitalter der elektronischen Kommunikation kann man sich kaum mehr vorstellen, mit welchem Zeitaufwand hier Rundbriefe und Traktate hergestellt und verbreitet wurden – und das alles am Rande der Legalität.“

 

Universitätsprofessoren und Praktiker

 

In den ersten Jahren der Deutschen Evangelistenkonferenz (West) ist immer wieder auch Musik und Liedgut Thema bei den Evangelistenkonferenzen. So zum Beispiel 1954: „Das erweckliche Lied in der Evangelisation“. 1958 heißt es im Protokoll: „Vorführung eines elektronischen Harmoniums der Firma Hohner“. 1960 ist der Vertrauensrat mit der Herausgabe des Liederbuches „Jesus, meine Freude“ beschäftigt.

1967 schreibt Wilhelm Brauer in den „Mitteilungen der Deutschen Evangelistenkonferenz“,  einer kleinen Schrift im DIN-A5-Format, die seit 1963 zwei Mal jährlich herausgegeben wurde): „Nachdem im Jahre zuvor der Ratsvorsitzende und Landesbischof Dietzfelbinger mit einem besonderen Vortrag unter uns weilte und die Universitätsprofessoren Dr. Born (Herborn) sowie D. Gerhard Friedrich (Erlangen) uns gedient hatten und Missionsdirektor D. Olav Hanssen (Hermannsburg) die Verbindungslinien vom Missionsfeld zur Evangelisation der Heimat gezogen hatten, war das Bedürfnis unter den Brüdern erwacht, nun einmal ganz von der Praxis der Evangelisation zu hören und zu lernen. Das geschah in einer ´Konferenz der Einkehr´, auf der uns Peter Schneider in die Evangelisation Billy Grahams einführte, Leo Janz von seinen Erfahrungen als Evangelist berichtete und Anton Schulte in fesselnder Weise die Art eines evangelistischen Zeugnisses beschrieb.“

Referenten der späten 60-er und frühen 70-er Jahre sind unter anderem: Dr. Gerhard Bergmann (Halver),  Jürgen Blunck (Solingen), Joachim Braun (Tübingen), Johannes Hansen (Witten), Heinrich Kemner (Krelingen), Prof. Dr. Adolf Köberle (München) und Prof. D. Dr. Walter Künneth (Erlangen).

 

Nicht immer "ein Herz und eine Seele"

„Das theologische Niveau darf nicht absinken.“ Diese Forderung hatten schon die Väter der Konferenz gefordert. Es kam öfter zu spannenden und lehrhaften Auseinandersetzungen, wenn lutherisch geprägte Theologen sich mit praktizierenden Evangelisten aussprachen. Die einen mussten lernen, dass Gott nicht nur durch hoch gelehrte und gut durchdachte Predigt sein Reich baut, sondern vollmächtige Zeugen gebraucht. Und andere lernten, dass auch Evangelisation einer theologischen Grundlage und Begleitung bedarf. Die Bandbreite theologischen Denkens war groß. Und gelegentlich hat es richtig „geknallt“. 

Dass die versammelten Brüder, viele von ihnen echte Originale, nicht immer „ein Herz und eine Seele“ waren, ist zwischen den Zeilen des Berichts von Friedrich Müller aus dem Jahr 1974 herauszuhören: „Solche Bruderschaft verpflichtet uns zur Wahrhaftigkeit, Lauterkeit, Fürbitte und Verschwiegenheit. Die Zugehörigkeit zur Bruderschaft verpflichtet uns, für das Gelingen und den Segen unserer Konferenz die Verantwortung mitzutragen. Von den vielen wichtigen Aufgaben im Raum der Gemeinde verbindet uns in erster Linie die der Evangelisation. In Fragen der politischen Überzeugung, des denominationellen Bekenntnisses, der Gemeindepraxis und Verwaltung der einzelnen Kreise mischen wir uns grundsätzlich nicht ein.“

 

Tagungen im Norden und im Süden

 

Hermann Decker, späterer Geschäftsführer der Konferenz, schreibt: „Von Evangelisten der Liebenzeller Mission hatte ich seit Jahren von der Deutschen Evangelistenkonferenz gehört, die regelmäßig im Erholungsheim Patmos in Siegen stattfand. Als neuer Geschäftsführer der Deutschen Zeltmission und der Patmos GmbH war ich im Jahr 1974 selbst Gastgeber dieser Konferenz. Mit großen Erwartungen sah ich der Konferenz entgegen. Ausgerechnet in diesem Jahr beschloss die Versammlung, zukünftig die Konferenz in anderen Häusern zu veranstalten. Nach vielen Jahren brach die Tradition ´Evangelistenkonferenz in Patmos´ ab, für mich eine große Enttäuschung. Dennoch habe ich die Bruderschaft lieb gewonnen. Drei Jahre später wurde ich Mitglied und ab 1982 konnte ich 25 Jahre lang im Vertrauensrat und 15 Jahre als Geschäftsführer mitarbeiten. Die Deutsche Evangelistenkonferenz hat meinen Dienst und mein Leben stark mitgeprägt.“ Auch nach 1974 war man immer wieder im Haus „Patmos“ zu Gast. Die Deutsche Evangelistenkonferenz tagte an wechselnden Orten, so zum Beispiel auf dem „Schönblick“ in Schwäbisch Gmünd, im CVJM-Haus Solling in Dassel, in den Räumen der Berliner Stadtmission und im Christlichen Gästezentrum Rehe/Westerwald. Die Mitgliederversammlung beschloss 2014, die Jahrestagung künftig in Rehe durchzuführen.  

 

Die zweite Generation - Rolf Woyke folgt Wilhelm Brauer

 

1973 hatte Pastor Wilhelm Brauer, der Leiter und Mitbegründer, im Alter von 71 Jahren sein Amt abgegeben. Unter drei Kriterien suchte man einen Nachfolger: 1. Ein Mann, der sich in der Theologie auskennt. 2. Eine Persönlichkeit, die geduldig die unterschiedlichsten Evangelisten verstehen und tragen kann. 3. Ein Seelsorger für Seelsorger. Rolf Woyke, damals 37-jährig, landeskirchlicher Gemeindepfarrer in Burbach, schien diesen Anforderungen gerecht werden zu können. „Auf seine Andachten und Bibelarbeiten haben wir uns immer gefreut, sie waren aussagekräftig und tiefgründig. Mit Ruhe und Gelassenheit leitete er die Vorstandsitzungen und Konferenzen. Von 1974 bis 1992 war er Vorsitzender der Konferenz. Sachlich und nüchtern konnte er auch kritische Anfragen nach Vorträgen oder in der Mitgliederversammlung anhören und darauf eingehen“, so Hermann Decker.

An der Seite von Rolf Woyke stand August Liese. Er war Pastor und zunächst Leiter der Zeltmission der Evangelisch-methodistischen Kirche und als Geschäftsführer der Stratege der Konferenz. Er stellte die Tagesordnungen zu den Sitzungen auf und achtete auf den geregelten Ablauf von Sitzungen und Konferenzen. August Liese hatte eine gute Gabe des Formulierens. „Wenn wir an Abenden über der Thematik und den Inhalten der nächsten Konferenz brüteten, kam er am nächsten Morgen mit einem Zettel und legte uns eine aussagekräftige Gliederung vor“, erinnert sich Hermann Decker. 

 

In den 70er-Jahren kommen 100 bis 120 Personen

 

Die Verjüngung in der Leitung und der Wechsel der Konferenzorte hatten zur Folge, dass jüngere Evangelisten hinzu kamen und die Teilnehmerzahl wuchs. In der Regel rechnete man mit 100 bis 120 Personen. Zugkräftiger Referent war Prof. Dr. Helmut Thielicke im Jahr 1977. Von 1978 an wurde die Konferenz vom Oktober in die Woche nach dem 1. Advent gelegt. In einem Protokoll der Mitgliederversammlung ist die Bitte jüngerer Teilnehmer an die älteren Brüder festgehalten: „Einstimmig haben sich die Brüder dafür ausgesprochen, dass die älteren Brüder der DEK mit ihrer Erfahrung und ihrem Rat auch weiterhin zur Seite stehen sollten.“ Mit ihren Themen „am Puls der Zeit“ (vgl. die Aufstellung ab S. XX), mit Bibelarbeiten, Fachvorträgen, Arbeitsgruppen und Diskussionen im Plenum will die Konferenz Impulse geben, wie die Botschaft des Evangeliums in einer sich ständig verändernden Welt weitergesagt werden kann.

 

Namhafte Referenten in den 80ern

 

Neben Männern aus der Praxis – Arno Backhaus, Lutz Scheufler, Jörg Swoboda und Friedhold Vogel – waren regelmäßig auch namhafte Referenten aus kirchlichen Ämtern Gäste der Deutschen Evangelistenkonferenz. Unter ihnen Bischof  D. Hermann Dietzfelbinger, Bischof Dr. Walter Klaiber, Landesbischof Prof. Dr. Gerhard Maier, Prälat Rolf Scheffbuch Landesbischof D. Theo Sorg, Präses D. Hans Thimme und andere. Und wieder referierten Universitätsprofessoren; z.B. Prof. Dr.  Peter Beyerhaus, Prof. Dr. Werner Jentsch und Prof. Dr. Helmut Thielicke. Journalisten wie Gerd Rumler (Neues Leben) und Dr. Markus Spieker (ARD-Hauptstadtstudio) konfrontierten die Evangelisten mit ihrem Blick auf die säkulare Gesellschaft.

 

Arbeitsgemeinschaft der Zeltmissionen

 

Schon früh bildete sich im Rahmen der Deutschen Evangelistenkonferenz die Arbeitsgemeinschaft der Zeltmissionen, die zunächst von Bruder Herbert Weinert, danach in Folge von den Brüdern August Liese, Hermann Decker und Lothar Velten geleitet wurde. In der besten Zeit waren es bis zu 17 Zeltmissionswerke mit 40 Zelten, die in der Bundesrepublik in den Sommermonaten unterwegs waren. Da war es wichtig, dass die Leiter der verschiedenen Werke sich zusammensetzten, um die aktuelle Planung für das kommende Jahr und die Absichten für weitere Jahre zu besprechen. Dies geschah jeweils im Vorfeld der Konferenz. Seit Mitte der 80er-Jahre werden auch die Zeltmeister zu diesen Veranstaltungen eingeladen, die miteinander technische Probleme ansprechen und sich wertvolle Tipps geben. Heute sind die Deutsche Zeltmission, die Barmer Zeltmission, die Zeltmission der Evangelisch-methodistischen Kirche, die Zeltmission des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (bis 2010), die Deutsche Indianer-Pionier-Mission und die „Zeltkirche“ der württembergischen Landeskirche in der Arbeitsgemeinschaft der Zeltmissionen zusammengeschlossen.

 

Die Wiedervereinigung – 1992

 

Nach dem Fall der Mauer lag es nahe, wieder eine organisatorische Einheit herzustellen – geistlich war man sich immer eins gewesen. So kam es im Januar 1991 zu ersten Beratungen, wie ein Zusammenschluss möglich werden könnte. Man wollte auf keinen Fall die Ostkonferenz vom Westen her vereinnahmen. Darum sprach man sich für den Erhalt der Ostkonferenz im Frühjahr und für die Westkonferenz im Advent aus. Zu beiden sollte gemeinsam eingeladen werden. In den Vertrauensrat wurden Ost- und Westbrüder nominiert: Wilfried Reuter und Uwe Homer als Vorsitzende, Wilfried Bolay, Willi Buchwald, Hermann Decker, Bernd Wetzel als Vertreter der bisherigen Westkonferenz und Gerhard Feilcke, Dietrich Heise, Eberhard Laue und Gottfried Pilz als Vertreter der bisherigen Ostkonferenz. Im April 1992 fand dann aber die letzte Ostkonferenz in Herrnhut statt. Die Anwesenden hatten sich einmütig dafür ausgesprochen, die Frühjahrskonferenz abzusetzen. Sie wollten sich an der Konferenz in der Woche nach dem ersten Advent beteiligen. Wilfried Reuter, der in den 70er-Jahren Billy Graham übersetzt und Gerhard Bergmann als Evangelist und Sänger begleitet hatte, übernahm die Leitung der jetzt wiedervereinigten Deutschen Evangelistenkonferenz. Der Mann mit der beeindruckend sonoren Stimme war damals Pfarrer im Amt für missionarische Dienste und Gemeindeaufbau der Evangelischen Kirche in Hessen-Nassau und übernahm 1994 die Leitung des Geistlichen Rüstzentrums Krelingen.

Fritz Hoffmann hatte während der DDR-Zeit auch den Kontakt zu Evangelisten aus den Ostländern Polen, Tschechoslowakei und Ungarn gepflegt. Geschwister aus Osteuropa nehmen auch nach der Wiedervereinigung weiterhin an den Tagungen der Evangelistenkonferenz teil.

 

Schwestern

 

Die Deutsche Evangelistenkonferenz wäre ohne die Unterstützung der Ehefrauen undenkbar. Stellvertretend für viele seien hier Ursula Hoffmann, Waltraut Liese, Hanna Decker und Ingeborg Wetzel genannt. 55 Jahre lang wirken die Schwestern vor allem im Hintergrund. Im Jahr 2004 hält mit Christina Riecke, (Essen) zum ersten Mal eine Frau einen der Hauptvorträge (bei der Ostkonferenz hatten schon in den 70er-Jahren Frauen referiert). 2007 steht Prof. Dr. Christine Schirrmacher auf dem Podium der Deutschen Evangelistenkonferenz, 2011 Noor van Haften, 2016 die aus dem Iran stammende Pastorin Flor Abojalady und Pfarrerin Monika Goseberg-Deitenbeck.

Unter den 122 Mitgliedern finden sich 2004 die Namen von vier Frauen: Bettina Böddener (Kettenhausen), Marianne Markert (Lichtenstein), Ilse Noske (Potsdam), und Doris Schulte (Bruchertseifen). In den Folgejahren werden auch Hanna Luchte (Blumberg), Gretel Masuch (Scheeßel) und Elena Schulte (Wölmersen) in die Mitgliederversammlung aufgenommen.

 

Konferenz wächst noch weiter

Seit einigen Jahren werden ganz gezielt auch junge Nachwuchskräfte eingeladen. Wilfried Reuter schreibt an die Leitungen der Ausbildungsstätten: „Wir laden angehende Absolventen von Ausbildungsstätten ein, an der Fachtagung für Evangelisation teilzunehmen und darauf dann aufzubauen. Gerade durch die persönlichen Kontakte mit erfahrenen Evangelisten und Evangelistinnen, durch die Sachvorträge, Gespräche und Workshops können Berufungen deutlich und gefestigt  und Grundlagen geschaffen werden für die weitere berufliche Tätigkeit.“ Dank finanzieller Unterstützung einiger Landeskirchen und der EKD können Evangelisten aus Osteuropa und junge Leute aus den Ausbildungsstätten einen Zuschuss erhalten. Die Mischung von Jung und Alt macht die Konferenz so attraktiv, dass 1999 rund 150 Gäste gezählt werden. Auch in den Folgejahren sind es nie weniger als 100.

 

Wechsel im Vorsitz

 

16 Jahre lang stand Wilfried Reuter der Deutschen Evangelistenkonferenz vor, die er auf geniale Weise – Leichtigkeit und Tiefgang verbindend – zu moderieren verstand. Für viele war er eine Integrationsfigur. Als er 2007 sein Amt altershalber abgeben wollte, wurde – der bisherigen Tradition folgend – ein landeskirchlicher Theologe für die Nachfolge gesucht. Johannes Eißler, 45-jähriger Pfarrer im württembergischen Amt für missionarische Dienste, wurde im Dezember von der Mitgliederversammlung in die Leitung berufen. Nach seinem Wechsel in den Gemeindedienst und Ausscheiden aus dem Vertrauensrat, übernahm im Dezember 2012 der freikirchliche Theologe Jörg Swoboda den Vorsitz.

 

Ausblick

2008 tagte die Deutsche Evangelistenkonferenz gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Jugendevangelisation (agje) und mit der Koalition für Evangelisation. Mit über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war das Gästehaus der Berliner Stadtmission komplett ausgebucht. Es wird eine bleibende Aufgabe sein, ein Programm zu gestalten, das auch jungen Aktiven sowohl Mut zu missionarischem Handeln macht als auch Raum lässt für persönliche Begegnung, für geschwisterlichen Austausch und fürs gemeinsame Gebet. Die Deutsche Evangelistenkonferenz war, ist und bleibt geprägt von einem fast schon familiären Charakter. Den gilt es zu erhalten, weil es Jesus Christus ist, der uns zu Kindern eines Vaters gemacht hat. Er war, ist und bleibt die Mitte unserer Verkündigung.

                                                                                      Johannes Eißler, überarbeitet von Jörg Swoboda